Familie&Campus – Wir wollen keinen Keksteller!

Was ist eine familiengerechte Universität? Ausreichende Kinderbetreuung für Studierende und Mitarbeiter_innen, Mensen mit Spielecken und flexible Regelungen in Studium und Beruf? Das sind die Schlagwörter, mit denen eine Universität in der Regel punkten kann. Darüber hinaus gibt es aber auch Universitäten, die weiter denken.

Es gibt abschließbare Räume, in denen Mütter ihre Kinder stillen können oder ein Elternteil das Kind füttern kann. Verbindliche fakultätsübergreifende Regelungen, in denen familienfreundliche Veranstaltungszeiten festgelegt werden, Babysitterservice, Notfall-Hotlines, und vieles mehr. Was hat unsere Universität getan, dass sie mit dem „audit familiengerechte hochschule“ ausgezeichnet wurde? Von all den wirklich hilfreichen Angeboten wurde in Kiel nicht eines umgesetzt. Die Infrastruktur ist nicht nur kinderwagenfeindlich, sondern auch Rollstuhlfahrer_innen können nicht alle Räumlichkeiten ohne fremde Hilfe erschließen. Wird ein Termin demokratisch von den Studierenden abgestimmt, etwa bei Tutorien, so wird oft ein Termin vereinbart, der außerhalb der Betreuungszeiten liegt. Diese Mutter oder dieser Vater kann an diesem Tutorium nicht teilnehmen. Diese Liste könnte man endlos weiterführen.

Doch ist das der Schlüssel zu mehr Solidarität? Ist allen geholfen, wenn wir uns den Campus anschauen und mit dem Finger auf die Schwachstellen zeigen? Ich behaupte, dass das der falsche Ansatzpunkt ist. Die meisten Deutschen haben, ob bewusst oder weniger bewusst, ein sehr konservatives Bild von Familie. „Vater, Mutter, 2 Kinder“ ist immer noch das beliebteste Modell und am besten gehört ein Eigenheim dazu. Vater, Mutter und 1 Kind ist schon schwieriger. Häufig wird dieses Modell als Pärchen mit Kind bezeichnet – also als unvollständig. Solche Eltern können berichten, dass sie ständig gefragt werden, wann denn das Geschwisterchen kommt. Falls man mir in diesem Fall widersprechen möchte, werde ich den Leser oder die Leserin in einem unbedachten Moment fragen. Da wird, man kann es ruhig zugeben, mit großer Wahrscheinlichkeit sofort dieses Bild aktiviert werden. Oder hast du gerade an ein homosexuelles Pärchen mit drei Kindern gedacht? Oder an einen alleinerziehenden Vater, der im 13. Semester studiert? Oder an die Familie, in der ein Kind außerhalb einer hetero- oder homosexuellen Zweierbeziehung aufgezogen wird, oder…? Dann bist du die Ausnahme.

Das Problem in unserer heutigen Gesellschaft ist, dass wir es nicht schaffen unseren „Bullerbü-Traum“ zu verwerfen. Glück, dass man in der Familie sucht, ist nicht im Standardmodell zu finden. Zufriedenheit kann man nicht konstruieren. Entweder man ist zufrieden oder man ist es nicht. Und möglicherweise ist ein schwules Paar mit Adoptivkind sich seiner Sache sicherer, als eine junge Frau, die immer noch von Astrid Lindgrens Geschichten träumt. Erschwerend kommt hinzu, dass sich vor allem Frauen in einem ständigen Krieg um das richtige Lebensmodell befinden. Auf Kinder verzichten sei egoistisch, die Karriere vorzeitig zu beenden sei das Weichspülermodell und nicht emanzipiert genug, beides zusammen zu masochistisch und so fort. Eigentlich ist es eine logische Schlussfolgerung: Wenn die Ressourcen knapp werden beginnt der Krieg. Jede_r muss sich individuell entscheiden, wie sie oder er sein Leben mit oder ohne Gründung einer Familie gestaltet. Das wirklich Diskriminierende daran ist, dass diejenigen, die sich für Nachwuchs entscheiden (in welcher Form auch immer), mit Strukturen zu kämpfen haben, die ihnen das Leben schwerer machen, als es mit Kindern ohnehin schon ist. Ich möchte jetzt kein Loblied auf alle Eltern anstimmen.

Ich bin selber Mutter und ich erwarte keine Medaille. Aber manchmal wünsche ich mir, dass meine Mitmenschen in diesem Land sich mal wieder bewusst machen, dass Elternschaft kein teures Hobby, sondern das wichtigste und am wenigsten honorierte Ehrenamt in unserer Gesellschaft ist. Integration von Familien an unserer Hochschule bedeutet für mich nicht, einen Keksteller auf den Mensatisch zu stellen. Es bedeutet für mich, dass wir als wichtiger Bestandteil der Studierendenschaft und des Kollegiums wahrgenommen werden. Eltern bedürfen nicht der Unterstützung, sondern der Anerkennung. Die Strukturen verändern sich dann viel leichter, weil jede_r sofort selber merkt, wenn Diskriminierungen stattfinden. Gemeinsam können wir dann dagegen etwas unternehmen. Familienpolitik an der Uni und anderswo muss sich für jeden Lebens- und Familienentwurf einsetzen. Für eine solidarische Gesellschaft, die niemanden ausgrenzt.

Stefanie Fahr (Studentin am Institut für Psychologie)